Gründungsaufruf

André Kieserling (München)

Veronika Tacke (Bielefeld)

Der Organisationssoziologie eine Adresse!

Antrag an die DGS zur Einrichtung einer Arbeitsgruppe/Sektion Organisationssoziologie

I. Erkenntnis und Adresse

Wissenschaftliche Disziplinen sind als solche nicht einheitlich ansprechbar. Sie bilden sich zwar als Kommunikationszusammenhänge, treten aber nicht als rechenschaftspflichtiger Absender oder Empfänger von Kommunikation in Erscheinung. Man kann den Sinn einzelner soziologischer Kommunikationen auf Soziologen zurechnen, nicht aber – oder jedenfalls nicht in demselben Sinne – auf „die Soziologie“. Will man darüber hinausgehen und nicht nur den einzelnen Wissenschaftler, sondern auch seine (oder ihre) Disziplin mit einer eigenen Adresse ausstatten, unter der sie für Mitglieder wie für Nichtmitglieder erreichbar ist, dann braucht man Organisation. Nur durch Organisation ist dieser höherstufige Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Adresse herstellbar.(1)

Die in Deutschland residierende Soziologie ist daher schon vor geraumer Zeit organisiert worden, nämlich in Gestalt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), und seither kann man sie von innen wie von außen her unter dieser Adresse erreichen. Im Rahmen dieses Dachverbandes sind unterdessen auch eine Reihe von soziologischen Subdisziplinen mit eigenen Adressen – und organisationstechnisch heißt dies: mit dem Status einer Sektion – ausgestattet worden. Für den einen wie für den anderen Fall kann man sagen, daß zusammen mit der Adresse ein neuartiges Niveau der Abstimmung von Kommunikationen erreicht worden ist, und dies sowohl im Hinblick auf die interne Kommunikation der Wissenschaftler miteinander wie auch im Hinblick auf die Außendarstellung ihrer Disziplin oder Subdisziplin.

Welche Vorteile dies mit sich bringt, das erkennt man ganz gut, wenn man sich an solchen speziellen Soziologien orientiert, die es bis heute zu keiner derartigen Adresse gebracht haben und daher auch an jenen Vorteilen der Organisiertheit nicht (oder allenfalls indirekt) partizipieren. Interessanterweise bietet hierzulande gerade die Organisationssoziologie ein Beispiel dafür. Sie ist weder aus sich selbst heraus noch für Außenstehende einheitlich ansprechbar. Das Ergebnis ist ein hohes Maß an Intransparenz der Organisationssoziologie für sich selbst und für andere. Man weiß zum Beispiel nicht genau, wie viele Kolleginnen und Kollegen sich mit welchem Maß an Verzichtsbereitschaft für welche organisationssoziologische Fragen interessieren – oder interessieren könnten, wenn es nur ein Forum gäbe, das thematisch genau darauf spezialisiert wäre und auf dem ihre Beiträge mit überdurchschnittlicher Resonanz rechnen können. Man weiß es nicht, weil die Organisiertheit und mit ihr auch Adresse noch fehlen.(2)

Das Potential für Mitwirkung an Tagungen oder Publikationsprojekten mit primär organisationssoziologischer Ausrichtung ist folglich unbekannt nach Ausmaß und Mobilisierbarkeit. Es kann sein, daß dieses Potential unterschätzt wird, es kann sein, daß es überschätzt wird, und möglicherweise ist beides zugleich der Fall. Unter diesen opaken Umständen lassen sich die Chancen für anspruchsvollere Kommunikationen im Bereich der Organisationssoziologie kaum abschätzen. Gelegentliche Initiativen und gelegentliche Interaktionen sind damit natürlich nicht ausgeschlossen, wohl aber werden sie zufallsabhängig. Die folgenden Überlegungen (die sich ihrerseits einer Reihe von Zufällen verdanken) beschreiben diese Lage als Problem, und ihr Vorschlag zur Lösung dieses Problems lautet: Gründung einer Arbeitsgemeinschaft für Organisationssoziologie – und im Falle ihres Erfolges: Gründung einer entsprechenden Sektion innerhalb der DGS.

Um für diesen Vorschlag zu werben, sollen zunächst zwei Argumente vorgestellt werden, von denen das eine sich auf den innerwissenschaftlichen Stellenwert der Organisationssoziologie bezieht (II), während das andere mehr auf die außerwissenschaftlichen Verwendungskontexte abzielt (III). Abschließend sollen Fragen der Arbeitsteilung im Verhältnis zu anderen, gleichfalls mit Organisationen sich beschäftigenden speziellen Soziologien diskutiert werden (IV).

II. Organisationssoziologie in Deutschland

In einem neueren Lehrbuchartikel über Organisationssoziologie hat Uwe Schimank eine erhebliche Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen Bedeutung von Organisationen einerseits und ihrer Behandlung innerhalb der deutschen Soziologie andererseits konstatiert: Während die moderne Gesellschaft sich aus Gründen, die in ihrer Differenzierungsform liegen und daher kaum revidierbar sind, von der permanenten Wirksamkeit ihrer Organisationen abhängig gemacht habe, friste die soziologische Erforschung dieser Organisationen in Deutschland ein akademisches Schattendasein.(3) Sie habe es nicht vermocht, sich gegen die starke Konkurrenz aus anderen speziellen Soziologien durchzusetzen, die sich in jeweils eigener Perspektive mit ausgewählten Organisationen befassen. Schimank denkt hier vor allem an die Industriesoziologie, die er nach unserem Eindruck zu schnell mit der Betriebssoziologie gleichsetzt.

Nun muß sich eine ausdifferenzierte Wissenschaft wie die Soziologie nicht unbedingt den Vorgaben der Gesellschaft über den Rang und die Bedeutung von Themen anpassen. Die Autonomie der Themenwahl und die Freiheit zu eigener Themengewichtung bildet hier wie sonst einen zentralen Aspekt für die Autonomie der Wissenschaft selbst. Es gibt denn auch eine Fülle von gesellschaftlich wichtigen Themen, die wissenschaftlich nicht ausreichend behandelt werden, da zunächst einmal nicht zu erkennen ist, wie dies mit den derzeit verfügbaren Methoden zu machen wäre. Die Gesellschaft selbst, von der man ja seit Max Weber immer wieder bestritten hat, daß sie als einheitlicher Gegenstand der Soziologie überhaupt vorkommen könne,(4) wäre ein ziemlich eindeutiges Beispiel dafür. (5) Sich mit Gesellschaftstheorie zu befassen, gilt vielen Soziologen auch heute noch als ein mehr oder minder unseriöses Geschäft.(6) Es mag einzelne Personen geben, die sich hier engagieren und damit Erfolg haben,(7) aber im Vergleich mit der gesellschaftliche Bedeutung der Gesellschaft ist die wissenschaftliche Behandlung dieses Themas mindestens ebenso unterentwickelt, wie Schimank es für die Organisationen beklagt – und dies mit Sicherheit nicht nur in Deutschland.

Der Diskrepanzbefund, den Schimank vorträgt, überzeugt aber auch und gerade dann, wenn man sich an der spezifisch wissenschaftlichen Bedeutung von Organisationen orientiert. Im Bereich der Gesellschaftstheorie mögen die Grundlagen nach wie vor ungeklärt oder umstritten sein. Blickt man statt dessen auf die Organisationssoziologie, dann kann man geradezu eine Erfolgsgeschichte der „normal science“ erzählen, und dies in mindestens zwei Hinsichten zugleich. Denn nicht nur rechnet die Organisationssoziologie zu den großen und ertragreichen Forschungsgebieten der Nachkriegszeit. Sie ist auch über Jahrzehnte hinweg einer der theoretisch produktivsten Bezirke innerhalb der Weltsoziologie geblieben. Schon diese Einheit aus Forschungserfolgen und theoretischer Produktivität ist alles anderes als selbstverständlich.

Es gibt genug Beispiele für spezielle Soziologien, in denen der Prozeß der Ablösung von den eigenen Klassikern zu einer zusammenhanglosen Detailforschung geführt hat, die keinen Anschluß an theoretische Vorgaben mehr sucht – und eben darum auch zu Kritik dieser Vorgaben nicht beitragen kann. In der Organisationssoziologie konnte dies Schisma von Theoriebildung und empirischer Forschung vermieden werden. Die Demontage der Klassiker – alles andere überstrahlend: Max Weber – hat hier nicht nur zu offenen Fragen und zu versteckter Ratlosigkeit geführt, sondern eine Fülle von theoretisch anspruchsvollen Antworten produziert, die sehr häufig auch für die Soziologie im ganzen aufschlußreich waren. Die Organisationssoziologie hat also nicht nur das Verständnis von der Eigenlogik und innergesellschaftlichen Autonomie von Organisationen geschärft, sie hat dies auch mit Begriffen getan, die immer wieder bis in die Grundfragen der Sozialtheorie und der Gesellschaftstheorie hinein ausstrahlten.

An ihren Forschungen über Organisationen hat die Soziologie es gelernt, formale von informalen Kommunikationen zu unterscheiden(8) oder dem Zweckbegriff als möglichem Grundbegriff einer Sozialtheorie zu mißtrauen, längst ehe die Kritik der instrumentellen Vernunft populär wurde.(9) Der Begriff der Institution, der schon für erledigt galt, feiert derzeit ein sozialtheoretisches Comeback – und auch hier waren es organisationssoziologische Forschungen, die dazu den Anstoß gaben.(10) Den Begriff der Unsicherheitsabsorption verdankt die Gesellschaftstheorie der Organisationsforschung, und auch für die Unterscheidung von Medium und Form (bei Karl Weick noch: Medium und Ding) gilt nichts anderes.

Es lohnt sich, dies festzuhalten, denn die Anzahl der speziellen Soziologien, denen man auch bei hoher Ausdifferenzierung innerhalb des Faches (spezialisierte Zeitschriften, spezialisierte Karrieren, spezialisierte Klassiker usw.) eine derartige Breitenwirkung und Produktivkraft nachsagen kann, ist nicht sehr groß.

Im Vergleich dazu ist die Organisationssoziologie in Deutschland in der Tat nur unzureichend institutionalisiert, und gerade im Vergleich mit Amerika wird man um diese Feststellung schwerlich herumkommen. Die Zahl der Lehrstühle für dieses Fach ist verschwindend gering; Zeitschriften, die hier ihren Schwerpunkt hätten, werden nicht in Deutschland nicht publiziert; und auch eine Sektion innerhalb der DGS, die so heißen würde, ist, wie schon gesagt, einstweilen inexistent. Das spezifische Interesse an Organisationen wird auf diese Weise institutionell nicht eben ermuntert, sondern eher ins Private abgedrängt.

Allenfalls kann es innerhalb von anderen speziellen Soziologien gepflegt werden, die dafür aber schon darum keinen optimalen Bezugsrahmen bieten, weil sie keine Konzentration auf Organisationen gestatten. Die Rechtssoziologie behandelt nicht nur die Gerichte, sondern auch und gerade den nichtamtlichen Rechtsgebrauch sowie die Spannung zwischen diesen beiden Formen, die dann beispielsweise in der Frage nach dem Zugang zum Recht kumuliert.(11) Die Soziologie der Wissenschaft kann nicht nur Forschungsorganisationen, sie muß auch die nichtorganisierten Segmente der wissenschaftlichen Kommunikation und unter ihnen vor allem den Publikationsbetrieb sowie die davon abhängigen Mechanismen der Reputationsverteilung behandeln. In diesen wie auch in anderen Fällen ist die Organisation nur ein thematisches Moment neben anderen, und auch das Interesse an den spezifisch organisationssoziologischen Fragen wird dadurch eingeschränkt und relativiert.

Unter diesen Umständen muß man die relativ hohe Anzahl von deutschsprachigen Publikationen, die dieses Thema gerade in jüngster Zeit auf sich gezogen hat, doppelt gewichten.(12) Der Ersatzindikator der Publikationslage zeigt an, daß das soziologische Interesse am Thema auch bei einer davon abweichenden Lage im Bereich der Rollenstrukturen – und damit auch der Karrierestrukturen – nicht wirklich zu brechen ist.

Schon dieses Mißverhältnis von Interesse und Institution läßt es sinnvoll erscheinen, die Gründung einer Sektion für Organisationssoziologie ins Auge zu fassen. Sie würde der Organisationssoziologie ein Forum bieten, auf dem sie die für sie maßgeblichen Beiträge miteinander und mit der Soziologie im übrigen abstimmen kann. Dieses Forum wäre zugleich eine Adresse für Lob und Kritik. Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund für die Gründung, und dieser tritt deutlich hervor, sobald man an den Aufschwung der Unternehmensberatung denkt.

III. Von der Unternehmensberatung zur Organisationsberatung

Daß die damit befaßten Firmen auf einem Wachstumsmarkt operieren, ist oft gesagt worden. Wichtiger ist aber, daß zu den Kunden dieser Firmen unterdessen auch solche Organisationen gehören, die man bei all ihrer Geldabhängigkeit doch nicht einfach der Wirtschaft zurechnen und dann etwa nach dem Muster von Produktionsbetrieben behandeln kann. Zwar geht der Trend schon seit einiger Zeit in genau diese Richtung: Formeln wie Konkurrenz oder Kundenorientierung, die eigentlich aus der Wirtschaft stammen, werden nach überallhin exportiert. Der Sinn für die Differenzierung der Gesellschaft nimmt ab, und eine neue Art von Ökonomismus breitet sich aus. Für gewöhnlich wird dieser Trend dem Neoliberalismus – und damit letztlich dem expansiven Zug der modernen Wirtschaft selbst – zugerechnet. Bei einer stärker differenzierenden Zurechung müßte man zunächst einmal prüfen, ob nicht auch diese Wissenschaft selber beteiligt ist und ob nicht auch in ihrem Bereich einiges geschehen könnte, um jene Disbalancierung in Richtung auf Wirtschaft zu korrigieren. Wenn auch Schulen und Kirchen, auch Krankenhäuser und literarisch anspruchsvolle Buchverlage so behandelt werden, als wären sie nichts weiter als Produktionsbetriebe, die unter Marktbedingungen operieren, dann zeigt dies doch nur an, daß die bisherige Unternehmensberatung auf diese Expansion ihres Aufgabenkreises nicht zureichend präpariert ist. Soll die Unternehmensberatung zur Organisationsberatung erweitert werden, dann bedürfen ihre kognitiven Grundlagen der Überprüfung. Sie müßten viel breiter ausfallen und sich für die Diversität heutiger Organisationen öffnen, statt einfach nur einen ihrer Typen zu hypostasieren.

Die einzige wissenschaftliche Disziplin, die über formulierbare Erfahrungen mit Organisationen der verschiedensten Art verfügt und diese Diversität nicht einfach durch die analytische Privilegierung eines besonderen Typs von Organisationen zum Verschwinden bringt, ist aber die Soziologie. Und speziell als Organisationssoziologie könnte sie mithin einen eigenen Anspruch auf Mitsprache in diesen Fragen anmelden, und dies nicht nur bei der Kritik der heutigen Unternehmensberatung und ihrer Privilegierung von Wirtschafts- und Wirtschaftsorganisationsmodellen, sondern auch bei der Ausbildung künftiger Organisationsberater.

Auch unter diesem Gesichtspunkt hat die Soziologie in Deutschland also allen Anlaß, in puncto Organisationssoziologie in völlig anderen Größenordnungen zu denken. Nimmt man hinzu, daß ein Umbau in der Struktur von Studiengängen, nämlich eine Anpassung an das amerikanische Muster bevorsteht und daß dieser Umbau auch der Soziologie eine neue Antwort auf die Frage nach ihrem Beitrag zur Berufsvorbereitung abverlangt, dann gilt all dies erst recht.

IV. Fragen der Arbeitsteilung

Schon wissenschaftliche Disziplinen im ganzen lassen sich schwerlich anhand ihrer Themen separieren. Für Subdisziplinen wie die Organisationssoziologie gilt dies im besonderen. So wie Organisationen sich in allen Bereichen der modernen Gesellschaft unentbehrlich gemacht haben, so können sie in sehr verschiedenen Bereichen der Soziologie thematisiert werden. Auch eine institutionell stärker ausdifferenzierte Organisationssoziologie kann unter diesen Umständen kein Monopol auf das Thema beanspruchen. Sie kann ihre Besonderheit nicht darin sehen, daß sie sich mit Organisationen beschäftigt und die anderen speziellen Soziologien nicht. Ein sinnvolles Schema der Arbeitsteilung muß daher anders konzipiert werden. Es muß nicht am Thema, sondern am Zugang zum Thema ansetzen. In genau diesem Sinne hat Uwe Schimank einen gesellschaftsbezogenen von einem organisationsbezogenen Zugang zur Organisationsforschung unterschieden.(13)

Wählt man einen gesellschaftsbezogenen Zugang, dann wird die Organisation als Teil der Gesellschaft oder als Teil von Teilsystemen der Gesellschaft behandelt und relativ direkt an ihrem Beitrag zur Lösung gesamtgesellschaftlicher oder teilsystemspezifischer Probleme gemessen. Man disponiert über die Organisation wie über eine – kollektiv handlungsfähige (da adressierbare) – Einheit, ohne sich um Außenabgrenzung, Binnenkomplexität und Eigendynamik der Organisation viel zu kümmern. Der organisationsbezogene Zugang hebt demgegenüber zunächst einmal diese Eigendynamik der Organisation hervor und stellt dabei die Gesellschaft nur als Umwelt oder nur als Übersystem ohne determinierende Kraft in Rechnung. Beide Perspektiven haben und behalten ihr Recht, und zwar auch ein kritisches Recht gegen die Verabsolutierung der jeweils anderen Perspektive. Eine radikale Trennung wäre auch alles andere als wünschenswert. Gleichwohl macht es einen Unterschied, wie man die Schwerpunkte setzt.

Anders als Schimank es sieht, scheint uns der gesellschaftsbezogene Zugang bereits ausreichend institutionalisiert zu sein. Er wird vor allem in solchen speziellen Soziologien gepflegt, die sich auf Teilsysteme (Sinnprovinzen, Handlungsbereiche usw.) der modernen Gesellschaft konzentrieren. Kirchen werden von der Religionssoziologie im Zusammenhang mit Religion, Schulen von der Erziehungssoziologie im Zusammenhang mit Erziehung zum Thema gemacht. Auch die Industriesoziologie – die ja in Ansehung ihrer Themen eigentlich eine Wirtschaftssoziologie ist – bietet dafür ein gutes Beispiel. Ihr Interesse an Organisationen gilt nicht diesen selbst. Eher schon interessiert man sich für die organisatorische Vermittlung gesamtgesellschaftlicher Problemlagen und ihrer Lösungsmöglichkeiten. Das entspricht sowohl der marxistischen Tradition, die hier eine ihrer vorerst letzten Zufluchten gefunden hat, als auch den moderateren Positionen, die sich dem Begriff der Industriegesellschaft verbunden hatten – in Abgrenzung von Marx, aber gleichfalls die Gesamtgesellschaft von ihrer Wirtschaft her denkend. Entsprechend werden innerorganisatorische Konflikte als isomorph zu gesamtgesellschaftlichen Konflikten begriffen; entsprechend ist Arbeit in industriesoziologischen Zusammenhängen nicht nur eine Komponente in den Erwartungen der Organisation an ihre Mitglieder, sondern zugleich ein zentrales Regulativ der gesellschaftlichen Inklusion bzw. Exklusion schlechthin; entsprechend werden die industriellen Beziehungen als Interorganisationsbeziehungen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz beschrieben usw.

Die spezifisch organisationsbezogene Perspektive kommt bei all dem deutlich zu kurz – und zwar nicht nur in der Industriesoziologie, sondern auch in der Religionssoziologie, auch in der Rechtssoziologie, auch in soziologischen Beiträgen zum Themenkreis von Erziehung und Sozialisation usw. Es läge daher nahe, den Schwerpunkt der Sektion vor allem in diesem Bereich zu suchen. Das muß ein Interesse an Zusammenhängen zwischen Organisation und Gesellschaft nicht ausschließen. Aber dies wäre dann ein wählbares Thema und nicht etwa der Kern der fachlichen – oder auf Organisationsebene: der sektionsförmigen – Identifikation.


Fußnoten:

1 Der für jede Kommunikationstheorie naheliegende Adressenbegriff findet derzeit kaum Aufmerksamkeit. Der Text von Peter Fuchs, Adressabilität als Grundbegriff der soziologischen Systemtheorie, in: Soziale Systeme 3 (1997), S. 57-81, behandelt das Thema nur im Rahmen einer Gesellschaftstheorie. Er denkt daher bei Adressen primär an Personen (im üblichen Sinne des Wortes). Es liegt aber auf der Hand, daß gerade die Organisationssoziologie ein starkes Interesse an diesem Thema haben müßte. Denn auch Organisationen lassen sich, wie die Juristen wohl wissen, als Personen – nämlich als einheitlicher Zurechungspunkt für eine Vielzahl von Kommunikationen – darstellen. Siehe dazu neuerdings Johannes Weiß, Handeln und handeln lassen: Über Stellvertretung, Opladen 1998.

2 Sicher kann man sich statt dessen an den Ersatzindikator der Publikationen halten, aber das ist eine sehr unzuverlässige Grundlage für Einschätzungen, da das Publikationsverhalten den status quo reflektiert – und nicht etwa die Chancen, die man hätte, ihn durch Entscheidung und Organisation zu verändern.
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3 Vgl. Uwe Schimank, Organisationssoziologie, in: Harald Kerber/Arnold Schmieder (Hrsg.), Spezielle Soziologien: Problemfelder, Forschungsbereiche, Anwendungsorientierungen, Hamburg 1994, S. 241-254.
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4 Siehe dazu Hartmann Tyrell, Max Webers Soziologie – eine Soziologie ohne „Gesellschaft“, in: Gerhard Wagner/Hans Zipprian (Hrsg.), Max Webers Wissenschaftslehre: Interpretation und Kritik, Frankfurt 1994, S. 390-414.
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5 Wer sich für Gesellschaftstheorie interessiert, der kann denn auch nicht einfach auf die „gesellschaftliche Bedeutung der Gesellschaft“ verweisen. Er muß vielmehr wissenschaftlich anschlußfähige Konzepte anbieten können. In dieser Umkehr der Bewertung – innerhalb der Wissenschaft ist die Wissenschaft wichtiger als die Gesellschaft, obwohl doch auch Wissenschaft nur in Gesellschaft überhaupt vorkommen kann – würde jede Soziologie der Soziologie ein Zeugnis für die hohe innergesellschaftliche Autonomie der Wissenschaft sehen.
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6 Vgl. dazu Jürgen Friedrichs/Rainer M. Lepsius/Karl-Ulrich Mayer, Die Diagnosefähigkeit der Soziologie, Opladen 1998.
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7 Siehe nur Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt 1997.
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8 Vgl. dazu André Kieserling, Interaktion in Organisationen, in: Klaus Dammann/Dieter Grunow/Klaus P. Japp (Hrsg.), Die Verwaltung des politischen Systems, Opladen 1994, S. 168-183; ders., Kommunikation unter Anwesenden: Studien über Interaktionssysteme, Frankfurt 1999, S. 335-391.
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9 Siehe hierzu Niklas Luhmann, Zweckbegriff und Systemrationalität, Neuausgabe Frankfurt 1973.
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10 Gemeint sind natürlich: John W. Meyer/Brian Rowan, Institutionalized Organizations: Formal Structure as Myth and Ceremony, in: American Journal of Sociology 83 (1977), S. 340-363.
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11 Vgl. dazu Hubert Rottleuthner, Rechtssoziologie, in: Harald Kerber/Arnold Schmieder (Hrsg.), Spezielle Soziologien: Problemfelder, Forschungsbereiche, Anwendungsorientierungen, Hamburg 1994, S. 216-240.
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12 Siehe nur Günther Ortmann/Jörg Sydow/Klaus Türk (Hrsg.), Theorien der Organisation, Opladen 1997; Klaus Türk (Hrsg.), Hauptwerke der Organisationstheorie, Opladen 2000; Niklas Luhmann, Organisation und Entscheidung, Opladen 2000, Veronika Tacke (Hrsg.), Organisation und gesellschaftliche Differenzierung, Opladen 2001 (im Druck).
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13 a.a.O., S.241ff.
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